Johannes Pistorius Niddanus d. J.

Dr. Johannes Pistorius Niddanus d.J., 1546-1608

Pistorius im Alter von 39 Jahren - Medaille von Drentwett, 1584

Pistorius, Johannes Niddanus d.J., Humanist, Arzt, Historiker, Politiker u. kath. Theologe, * 4.2.1546 Nidda (daher: Niddanus), + 19.6.1608 Freiburg (Breisgau).

Großvater: Johann Becker (1476-1520), Bürgermeister in Nidda;
Vater: Pistorius, Johannes Niddanus d.Ä., hessischer Reformator, Superintendent von Nidda, * 1504 Nidda. + 25.1.1583 Nidda. verheiratet mit
Mutter:Margaretha (1.2.1516-24.5.1560) Tochter des Konrad Schreiber aus Nidda;
Kinder von J. Pistorius d.Ä.: 5 Söhne, 3 Töchter.

Ehefrau: von Johannes Pistorius d.J. (1546-1608) Catharina Mayer (+ 1585) Stieftochter des Matthias Ritter (1526-1588), Pfarrer in Frankfurt; 6 Söhne, 2 Töchter.

 Stammbaum von J. Pistorius d.J.

Stammbaum von Johannes Pistorius Niddanus d.J., 1546-1608 (Quelle: Nidda - Die Geschichte einer Stadt und ihres Umlandes, Nidda 2003)

J. Pistorius d. J. wuchs als 5. Kind in einem humanistisch geprägten evangelischen Pfarrhaus in Nidda auf. Nach dem Besuch der örtlichen Lateinschule wurde P.-13jährig (!) - in Marburg immatrikuliert. Als Magister setzte er 1563 in Wittenberg und Tübingen seine Studien in Medizin, Jura und Philosophie fort. Die neuzeitliche Anatomie des Andreas Vesalius lernte er 1565 in Padua kennen. Nach einem Paris-Semester schloß Pistorius 1567 in Marburg sein Studium mit d. Promotion in Medizin ab.
Der junge Arzt machte sich in Frankfurt und Worms bald einen Namen. 1575 rief ihn der badische Markgraf Karl II. als Leibarzt und Historiograph an seinen Hof. Hier entstanden seine bedeutenden Werke zur deutschen und polnischen Geschichte. 1586 organisierte P. in Durlach die erste nachreformatorische Lateinschule in Baden, die dann Modellschule für spätere Schulgründungen wurde. Aus ihr ging das heutige Markgrafen-Gymnasium in Durlach hervor. Ebenfalls nach diesem Schulkonzept wurde 1667 in Emmendingen eine Lateinschule gegründet, aus der das heutige Emmendinger Goethe-Gymnasium erwuchs.

 Markgarf Karl II im Alter von 30 Jahren

Der badische Reformator Karl II. (1529-1577)

Schon als Student hatte Pistorius sich mit dem Calvinismus auseinandergesetzt, ohne sich je zu ihm zu bekennen. 1577 unterschrieb er die Konkordienformel der Lutheraner. Doch nach dem Tod des Vaters und der Ehefrau (1585) ging Pistorius auf Distanz zu den Lutheranern. Pistorius hatte neben der Bibliothek u.a. das umfangreiche Manuskript einer Reformationsgescheschichte und die Archivalien seines Vaters geerbt. So erhielt er gründliche Kenntnisse über gewichtige, auch geheimgehaltene Vorgänge der Reformationszeit (z.B. Luthers "Beichtrat" [1539] an Landgraf Philipp von Hessen zu dessen Doppelehe). Zudem beeindruckt von der nachtridentinischen Reformkirche und befremdet durch die Methoden bei der Durchsetzung der Konkordienformel konvertierte P. 1588 in Speyer.
Beim Baden-Badener Religionsgespräch (1589) vertrat P. die katholische Seite gegen Württemberger Theologen, begleitet von heftigen, auch literarischen Kontroversen mit J. Andreae u. L. Osiander. Vor und nach dem "Colloquium Emmendingense" von 1590 beriet er Markgraf Jakob III. von Baden-Hachberg und seinen Hofprediger Johannes Zehender (später: J. Decumanus) beim Übertritt zur katholischen Kirche.

Der 2. Sohn vom bad. Markgrafen Karl II., Jakob III.

Markgraf Jakob III., der Stadtbegründer Emmendingens (1562-1590)

Nach Jakobs Tod durch eine Arsenikvergiftung wurde P. 1591 bei Bischof Andreas von Österreich Generalvikar und Priester der Diözese Konstanz. Um die Klerikerausbildung zu verbessern, setzte sich Pistorius für den Aufbau eines Diözesanseminars unter Leitung von Jesuiten ein (Kollegsgründung: 1604). Daraus entwickelte sich das heutige Suso-Gymnasium.

härter gegen hart!

handschriftlicher Wahlspruch von Johannes Pistorius d.J.; durius contra durum!"

In seiner Konstanzer Zeit (bis 1597) entfaltete Pistorius eine engagierte schriftstellerische Tätigkeit gegen Luther und die Lutheraner. Seine genauen Kenntnisse ließen ihn zu einem entschiedenen, oft sehr scharfen Kritiker Luthers werden, so in der "Anatomia Lutheri" (1595). Pistorius war bis 1597 Präsident des Geistlichen Rates, wurde Apostolischer Protonotar, Propst von Oelenberg, Surburg u. Pairis (1600), Dompropst v. Breslau, sowie kaiserlicher Rat und Beichtvater Rudolfs II. (1601). Sein aufgeklärtes Denken zeigte Pistorius auch darin, daß er 1604 in Freiburg ein vierzehnjähriges Mädchen in einem Hexenprozess vor dem Tod rettete. Der vielgereiste Mann starb 62jährig an Marasmus und liegt im Freiburger Augustiner-Museum begraben. 150 Bände aus seiner berühmten Bibliothek befinden sich heute im Straßburger Priesterseminar.

Werke: (Auswahl von über 50 Titeln) De vera curandae pestis ratione, Frankfurt 1568; Polonicae historiae Corpus, Basel 1582; Rerum Germanicarum... Scriptores, 3 Bde., Frankfurt 1583-1607; Jacobs Marggrafen...Motifen, Köln 1591; Anatomia Lutheri, 2 Bde., Köln 1595-98; Wegweiser für alle verführten Christen, Münster 1599.

Literatur (Auswahl): Hans-Jürgen Günther, Die Reformation und ihre Kinder dargestellt an: Vater und Sohn Johannes Pistorius Niddanus. Eine Doppel-Biographie, Nidda 1994, 74-238 (hier sind sämtliche Werke sowie die Sekundärliteratur aufgeführt);
ders., J. P. Niddanus d. J.: Lebensbilder aus Baden-Württemberg, Bd. 19 (1998) 109-145;
ders., J. P. Niddanus d. J.: Artikel im "Lexikon für Theologie und Kirche" (LThK), Bd. 8 (1999), 319-320
ders., J. P. Niddanus d. J.: Artikel in "Neue Deutsche Biographie" (NDB), Bd. 21 (2001) 486-487
ders., J. P. Niddanus d. Ä.: Artikel in "Neue Deutsche Biographie" (NDB), Bd. 21 (2001) 486
ders., J. Pistorius Niddanus, Vater und Sohn - Zwei Niddaer Persönlichkeiten im Jahrhundert von Reformation und katholischer Reform: Artikel in "NIDDA - Die Geschichte einer Stadt und ihres Umlandes" (2003) 123-134

0. Scheib, Das Religionsgespräch ... FDA 100 (1980) 277-288;
B.Ottnad, J. P., 1591-1594, in: Helvetia sacra, Abt. I, Bd.2, 1993, 564-566;
ADB 19; LThK3; BBKL; PRE; RGG; Schottenloher

Pistorius-Medaille (d. J.) von Drentwett, 1584 (München);
Kupferstich (Pistorius d. J.) von D. Custos, 1594 (Prag);
Gemälde (Pistorius d. J.) von L. Kilian, 1606 (München)

Pistorius-Medaille (d. Ä.) von Friedrich Hagenauer, 1543


Dr. Johannes Pistorius Niddanus d.Ä., 1504-1583
Johannes Pistorius Niddanus d. Ä. (1504-1583),
Vater von Johannes Pistorius Niddanus d. J. (1546-1608)
Zu Johannes Pistorius Niddanus d. Ä.

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Hans-Jürgen Günther