Johannes Zehender (Decumanus), 1564-1613

Johannes Zehender (Decumanus), 1564-1613

ZEHENDER, Johannes (später Johannes DECUMANUS), * 1564 in Besigheim , † 25. September 1613 in Wien, badischer Hofprediger, später Jesuit.

Sein Vater hatte im damaligen badischen Besigheim das einflussreiche Amt des Landvogtes inne. Über seine Mutter, eine Schwester von Eberhard Biedenbach, des ersten evangelischen Abtes von Bebenhausen nach Einführung der Reformation war Z. in das verwandtschaftliche Geflecht berühmter württembergischer Theologenfamilien miteinbezogen, die man zum Urgestein des südwestdeutschen Protestantismus zählt: Durch sie war er versippt oder verschwägert mit den Theologen Johannes Brenz, Erhard (Dietrich) Schnepff, Lukas Osiander und Jakob Andreae. Weiterhin wird von einem Zeitzeugen (Johannes Pistorius d. J.) berichtet, dass Zehender "Wittenbergische Theologen als Verwandte - z.B. Polycarp Leiser - , Vettern Schwager und Freunde" hatte.

Der begabte Junge besucht bereits als Achtjähriger ab 1572 die Besigheimer Lateinschule. 15-jährig wird Zehender im Februar 1579 in Tübingen immatrikuliert.

Bucheintrag vom 19-jährigen 'M. Johannes Zehender Besickheimicensis'
Als Bester seines Semesters verlässt er im August 1583 als "Magister artium" die Universität.

Nach einer Diakonatszeit im badischen Durlach wird der einundzwanzigjährige Theologe 1585 Hofprediger bei der Witwe Karls II., der beliebten und mildtätigen Markgräfin Anna, auf Schloss Graben.

Erste Edition einer Predigt von Johannes Zehender, 1586

Die Leichenpredigt, die er zum Gedenken der nur 45 Jahre alt gewordenen Regentin am 5. April 1586 hält, wird noch im selben Jahr in Tübingen ediert. Sie ist die einzige bisher bekannte Veröffentlichung, die unter seinem Geburtsnamen "Johannes Zehender" erscheint. Die weiteren Schriften - nach 1600 - gibt er mit seinem später latinisierten Namen "Johannes Decumanus" heraus.

Von den drei Fürstensöhnen des badischen Reformators Markgraf Karl II. verband ihn eine besondere Sympathie zu dem 1562 geborenen Jakob III., dessen "concionator", d.h. Hofprediger er im Sommer 1586 auf der bei Emmendingen gelegenen Hochburg wird. Bald verbindet ihn auch eine Freundschaft mit dem Arzt, Historiographen, Juristen und badischen Rat Johannes Pistorius Niddanus.

Beim Baden-Badener Religionsgespräch im November 1589 fungiert er als Unterhändler zwischen dem inzwischen katholisch gewordenen Johannes Pistorius und den protestantischen Disputanten Jakob Andreae und Jakob Heerbrand. Für den Veranstalter Markgraf Jakob III. verläuft dieses Gespräch unbefriedigend.

Die Teilnehmer am Emmendinger Religionsgespräch von 1590

Deshalb beruft dieser für Juni 1590 in seinem soeben zur Stadt erhobenen Residenzort das 'Colloquium Emmendingense' ein. Hier tritt als Hauptkolloquent der katholischen Seite Johannes Zehender auf, obwohl er offiziell noch nicht zur röm.-katholischen Kirche übergetreten war. Die evangelische Seite vertreten der Straßburger Professor Johannes Pappus sowie mehrere Prädikanten der Hachberger Herrschaft. Diese Unterredung, deren Protokolle 1694 von Johannes Fecht veröffentlicht werden, endet mit großen Spannungen zwischen dem Markgrafen Jakob III. und der Hachberger Pfarrerschaft.

Am 15. Juli 1590 konvertiert der Regent wie auch sein Hofprediger J. Zehender zur katholischen Kirche. Mit 'Jakob III. ' sollte erstmals gemäß dem "cuius regio, eius religio" von 1555 ein evangelisches Land katholisch werden. Die Unruhe in der Pfarrerschaft, die auch hätte konvertieren oder ihre Pfarrstelle hätte aufgeben müssen, verstärkt sich. Der klaren Aufforderung des Fürsten an seinen Amtmann Jakob Varnbüler, er solle "gegen die Übertretter ohne Milde eine gebührende und ernstliche straff vornehmen" kommt dieser nicht nach. Drei Wochen nach diesem schriftlich erteilten Befehl erkrankt der bis dahin kerngesunde Jakob III. schwer. Johannes Zehender begleitet fast Tag und Nacht den Todkranken seelsorgerisch. Am 17. August 1590 stirbt der junge Markgraf an einer Arsenikvergiftung. Nach einwöchiger Zugehörigkeit zum Katholizismus wird Emmendingen und das Hachberger Land durch die Intervention von Jakobs Bruder, Ernst-Friedrich, wieder evangelisch.

Zehender ist ab nun "persona non grata". Schon gleich nach seiner Konversion hatte durch Pappus eine Verleumdungskampagne gegen ihn eingesetzt. Z. flieht nach Freiburg. Von dort schreibt er am 22. August 1590 dem evangelischen Pfarrer von Besigheim, M. Jeremias Pistor über seine Konversion: "Certe, si ita esset comparata Religio Catholica, ut esse a Lutheranis dicitur et creditur, ad Turcicam citius quam ad Catholicam me contulissem religionem" - "Wenn die katholische Religion so wäre, wie man bei den Lutheranern über sie spricht oder glaubt, dass sie sei, wäre ich gewiss eher Mohammedaner als Katholik geworden". Bereits im Herbst 1590 wird Zehender Hofprediger bei Kardinal Andreas von Österreich in Konstanz und im Sommer 1591 zum Priester geweiht.Danach reist er nach Rom, immatrikuliert sich am 5. November 1591 an der päpstlichen Universität Gregoriana und wohnt im Collegium Germanicum.

Zehenders Immatrikulationsbescheinigung an der Gregoriana in Rom, 1591

Übersetzung: "Johannes Zehender, Priester aus der Diözese Speyer, von ehelichen Eltern, hörte Philosophie in Tübingen, gefördert vom Kardinal von Österreich, kam am 5. November 1591 an, 27 Jahre alt." Von anderer Hand steht darunter angemerkt: "Discessio 1595, Ingressus Soc., Concionator".

Nach 4-jährigem erneuten Theologiestudium, das er mit Promotion abschließt, tritt er 1595 in Rom dem Jesuitenorden bei.

In den folgenden vier Jahren wirkt Z., der inzwischen die italienische Sprache perfekt beherrscht, als Beichtvater und Prediger an verschiedenen Orten Italiens, z.B. in Loreto, Venedig, Padua,Verona oder Brixen.

In den "Catalogi personarum et officiorum provinciae Austriae S.I." für 1599 ist belegt, dass der inzwischen 34-jährige Jesuitenpater Johannes Zehender seit Jahresanfang im "Collegium Viennense", also in Wien, als Prediger und Beichtvater tätig war. Von nun an lässt sich Jahr für Jahr lückenlos nachweisen, welche Tätigkeiten oder Ämter Z. im Orden versah. - Nächster Wirkungsort von Z. wird Linz. Sein dortiger Auftrag hatte in diesem Jahr unmittelbar mit den damaligen Zielen des Jesuitenordens im deutschsprachigen Raum zu tun: Mit den Bemühungen, möglichst viele Städte und Länder, die sich in den ersten Jahrzehnten oder spätestens seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 der lutherischen - oder der calvinischen - Konfession zugewandt hatten, für die katholische Kirche zurückzugewinnen. Erfahren in der Pastorale beider Konfessionen erscheint Z. besonders für diese Aufgabe geignet.

Im Vergleich zu anderen - z.B. Johannes Pistorius d. J. oder Lukas Osiander - schlug er in der Auseinandersetzung moderatere Töne an in der Art von: "suaviter in modo, sed fortiter in re". - Zusammen mit dem Jesuiten Georg Scherer war er am "Jubilate-Sonntag" des Jahres 1600 in Linz angekommen und hatte in der dortigen Pfarrkirche zu predigen begonnen. Die gegenreformatorischen Bestrebungen der Jesuiten Scherer und Zehender hatten schnell Erfolg. Für die nächsten Jahre herrschte dann in dieser Donaustadt eine gewisse Koexistenz zwischen beiden Konfessionen.

Für seine Toleranz spricht auch, dass der Katholik Zehender im Jahr 1600 mit einer Spende die Armenkasse seiner evangelischen Heimatstadt Besigheim, die ihm weiterhin viel bedeutet, unterstützt. Das ist besonders bemerkenswert für eine Zeit, in der es sonst allerorten längst zu einer Polarisierung im Machtverhalten der Konfessionen gekommen ist, aus dem sich dann die evangelische "Union" und die katholische "Liga" als unselige Gruppierungen im nahen Dreißigjährigen Krieg bilden sollten.

Im Herbst 1601 nimmt er am Religionsgespräch in Regensburg teil. Seine Hauptaufgaben lagen weiterhin im Predigt- und Beichtdienst.

Kanzel des Wiener Stephansdoms (Meister Anton Pilgram) auf österreichischer 500 Schillingmünze(Ar) von 1997

So bestieg Zehender in den Jahren 1605 und 1606 im Wiener Stephansdom regelmäßig als Festprediger die berühmte Kanzel, betreut als Seelsorger die Laienbrüder, Novizen und Patres, die wie er noch nicht Vollmitglieder des Ordens waren.

Jahrelang berät er den Rektor des Wiener Kollegs, P. Ferdinand Alber. Mehrfach unternimmt er in den nächsten Jahren im Dienste des Ordens Reisen nach Ungarn und Böhmen. Am 26. März 1606, Johannes Zehender ist inzwischen 42 Jahre alt, legt er seine Ordensprofess ab. Für die nächsten vier Jahre leitet er dann als "Superior" die kleine, neugegründete Niederlassung der Jesuiten in dieser Donaustadt Linz.

In seinen österreichischen Jahren, die an sich schon durch seine seelsorgerischen Aktivitäten ausgefüllt waren, tritt Dr. Johannes Zehender zudem noch einmal als Autor gleich mehrerer Bücher hervor. Sein Erstlingswerk, die Leichenpredigt für die badische Markgräfin Anna war ja bereits 1586, wie oben angeführt, noch unter dem Namen "Zehender" ediert worden.

J. Zehenders 'Dialogus' von 1601

1601 erscheint seine Schrift "Dialogus". A. Raess hat wohl recht, dass Zehender in diesem fiktiven Gespräch seine eigenen Konversionsgründe dargelegt hat. Somit bietet der "Dialogus" einen Schlüssel für einen besseren Zugang zu Johannes Zehender.
Inhalt: In einer evangelischen Stadt soll es wegen der Konversion des Fürsten zu einer Konfessionsänderung kommen. Zwischen zwei Bürgern entwickelt sich ein Disput. Sie werden von Zehender "Festinantius" (der Eilige) und "Cunctantius" (der Zögernde) genannt. Vermittelnd zwischen beiden greift der katholische Nachbar "Prudentius" (der Kluge) ein. Zehenders Schreibstil ist herzerfrischend, wird belebt durch viele Redensarten und sprachliche Bilder. Mehrere Passagen des "Dialogus" entbehren nicht einer gewissen Komik. Nicht mit dem Triumphgeheul einer siegenden Seite endet das Buch - das hätte in der Zeit der Kontroverstheologie durchaus dem Üblichen entsprochen. Der ehemalige evangelische, nunmehr katholische Christ Johannes Zehender, der sich wohl hinter der Person des Prudentius versteckt, lässt den Dialog fair, fast versöhnlich enden. Der Ausgang bleibt offen. So handelten in der Zeit humanistisch, nicht fundamentalistisch ausgerichtete Theologen.

Eine weitere Schrift, der "Dialogus de Colloquio Ratisbonensi (1604)", behandelt, im Stil ebenfalls moderat, die Ereignisse um das Regensburger Religionsgespräch von 1601. Es war vielleicht das letzte bedeutende Kolloquium vor dem sog. grossen Religionskrieg von 1618-1648; und Zehender nahm als Beobachter daran teil. Er traf hier auf Lukas Osiander und Ägidius Hunnius, die Redeführer der evangelischen Seite. Beide waren ihm aus der Zeit vor seiner Konversion bestens bekannt. Die Katholiken hatten als Disputanten die Jesuiten Adam Tanner und Jakob Gretser geschickt. Bei allem Ernst, den die behandelten Themen erforderten, gelingt es Zehender auch in dieser Schrift, mit vielen fast witzig anmutenden Formulierungen die Darstellung aufzulockern. Wieder verrät der gelehrte Theologe, dass er von Jugend an "dem Volk aufs Maul geschaut" hat.

J. Zehenders Schrift gegen Polycarp Leiser von 1608

Viel Autobiographisches erfahren wir aus dem letzten Werk. "Hochnutzlicher ...Nachtruck Zweyer Christl. Predigten." Mit 510 Seiten, ist es zugleich sein umfangreichstes. Der Mann, mit dessen zwei in Prag gehaltenen Predigten Johannes Zehender sich auseinandersetzt, ist der sächsische Superintendent Polycarp Leiser (1552-1610). Er stammte aus Winnenden und war Stiefsohn des Lukas Osiander sowie Neffe von Jakob Andreae. Auch Johannes Zehender war weitläufig mit P. Leiser verwandt. Doch hat er vom Schwager keine hohe Meinung. Lag es daran, dass dieser P. Leiser einer der drei Theologen war, welche Churfürst August von Sachsen anno 1578 nach Wittenberg zur mehr oder weniger gewaltsamen Einführung der Konkordienformel berufen hatte? Mit der zwanghaften Enge der Konkordienstreiter konnte Zehender schon lange nichts mehr anfangen, hatte sie doch sein Abrücken von Luther und den Lutheranern ausgelöst. Man kann die Schrift gegen Leiser also als einen Schlussstrich unter diese einst durchlebte Diskussion ansehen. Wiederum kleidet Zehender seine Fragen an Leiser in das Gewand des sokratischen Dialogs, wobei er - wie einst der Meister - mit Ironie nicht spart. Ganz sicher hat Zehender die wahre Schriftenflut belustigt, die Leiser immer gleich nach den Anlässen - z.B. Predigten an Beerdigungen, Hochzeiten oder Jubiläen - hat in Druck gehen lassen. Die eigenen zu veröffentlichen, lag ihm fern. Sein literarischer Impetus galt einer, nach Möglichkeit volksnahen, Auslotung und Darstellung der - je nach Standpunkt - unterschiedlich bewerteten theologischen Fragen des Reformationsjahrhunderts. Und die gelang Zehender meisterlich in der Dialogform.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die von Johannes Zehender geschriebenen, zu seinen Lebzeiten (1586, 1601, 1604 und 1608) edierten, literarisch anspruchsvollen und somit heute noch lesenswerten vier Bücher offensichtlich die mit Abstand frühesten sind, die von einem gebürtigen Besigheimer in Druck gingen. 1610 wird Zehender Rektor des Jesuitenkollegs in Wien. In der Betreuung Gefangener, zum Tode Verurteilter und unheilbar Kranker entfaltet der jetzt 46-Jährige ein besonderes Engagement.

Der Jesuitenpater Johannes Zehender besucht pestkranke Menschen.
Bild aus: Tanner, Mathias: Societatis Jesu Apostolorum Imitarix..., Pars Prima, Prag 1694, 446

So erfüllt sich am 25. September 1613 sein Leben, als er während einer Pestepidemie fünf Wochen die Kranken eines Wiener Armenviertels bis zum Ende betreut und ihn schließlich selbst die Seuche dahinrafft. Zehender stirbt in Wien nach fünfwöchiger Pflege pestkranker Menschen selbst an der Seuche. Alter: 49 Jahre. Seine Grabstätte ist nicht bekannt. Beispielhaft ist Johannes Zehenders, auf christlicher Caritas basierendes Engagement bis hin zur Selbstaufopferung. Sein in Wort und Schrift ausgesprochen toleranter Umgang mit Zeitgenossen, die in Glaubensdingen anders denken als er, der spätere Katholik, hebt ihn heraus aus der Zahl polemisierender Kontroverstheologen, die es in den zwei Jahrzehnten vor dem Dreißigjährigen Krieg leider zu Hauf gab.

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Hans-Jürgen Günther

Stand: 19. Juli 2014